Von Branzoll ins Paradies – und das in weniger als 40 Jahren

Von Branzoll in die Serie A1. Wer hätte nur zu träumen gewagt, dass Neruda Volley in weniger als 40 Jahren einen derartigen Weg einschlagen wird? Vor allem, wenn man bedenkt, dass der Verein im Jahre 1978 in Branzoll unter dem Vorsitz von Claudio Cortesia als Kultur-Verein gegründet und dem großen Poeten Pablo Neruda gewidmet worden war.

In den frühen 1980er-Jahren kommt zur Tätigkeit des Vereins der Volleyball-Sport hinzu, dank des unvergessenen Claudio Belpoliti – der Mentor der sportlichen Abteilung des Klubs und die Seele des Vereins bis zu seinem zu frühen Ableben. Er ist es, der an die Jugend glaubt, und dieser Glaube sollte Neruda später bis in die höchsten Gefilde des nationalen Volleyball bringen.

Am Anfang ist es nicht leicht. Man arbeitet und trainiert im Freien oder im Ex-Enal zur Winterzeit. Doch die Leidenschaft ist groß und so werden viele Hindernisse überwunden, eines nach dem anderen, bis die Talentschmiede von Neruda in den Blickwinkel des regionalen und gar nationalen Volleyball-Sports rückt.

Dies unterstreicht die Titelsammlung des Vereins, mit all den Trophäen, die die jungen Volleyballerinnen in Branzoll gewonnen haben, dem Volleyball-Bezugspunkt des Bozner Unterlandes. Die erste Mannschaft gewinnt sogar die Serie C, doch aufgrund finanzieller Probleme muss man auf den großen Sprung in die nationalen Meisterschaften verzichten. Im Jahre 2008 beginnt die Ära mit Rudy Favretto als Präsident. Das Projekt ist ein ehrgeiziges: Neruda auf neue Herausforderungen in den nationalen Meisterschaften vorzubereiten. Und um es zu erreichen, wandt er sich an renommierte Trainer und Volleyball-Lehrer, die die Mentalität des Vereins verändern. Der erste ist Luca Pieragnoli, der ein Teil des Trainerstabs der Jugend-Nationalmannschaften war. Dann ist Andy Delgado dran, auch er kommt von der Talentschmiede der Azzurri. Um der von Favretto gewollten Linie Kontinuität zu geben, kommt später Andrea Bollini – auch er mit Erfahrungen als Betreuer der italienischen Jugend-Nationalmannschaften im Gepäck.

Mit Bollini triumphiert Neruda in der Saison 2010/2011 in der Serie C und hält in der darauffolgenden Spielzeit in der Serie B2 die Klasse – mit einer Mannschaft, die auf verschiedene lokale Spielerinnen zählen kann, die Eigenwächse sind. Ja, denn der Verein, der mittlerweile begonnen hatte, seine Matches in St. Jakob auszutragen, hat nie die eigenen Wurzeln vergessen. Auf die eigenen Mädels setzen, die aus der eigenen Talentschmiede hervorkommen – genau so, wie es Belpoliti gewollt hätte. Der Sommer des Jahres 2012 beschert einen weiteren wichtigen Schritt, der entscheidend für den Weg in Richtung Serie A sein sollte: Der Kauf der Serie-B1-Rechte von Pallavolo Vigevano. Der Rest ist jüngere Geschichte.

Die Mannschaft wird Fabio Bonafede anvertraut – ein Risiko, hat der sizilianische Trainer doch noch keine Erfahrung auf diesem Niveau. Doch er ist hungrig, ehrgeizig und sehr gut vorbereitet. Sein Neruda holt unglaublicherweise Platz 1 in seinem Kreis, der jedoch nicht den direkten Aufstieg in die Serie A2 bedeutet. Man muss durch die Play-Offs, wo man sich in den entscheidenden Duellen gegen Vicenza und Monza nicht durchsetzen kann. Man verliert und muss alle Hoffnungen auf einen direkten Aufstieg in die Serie A2 vorerst begraben. Dann aber kommt der Sommer und mit ihm eine gute Nachricht: jene des „Ripescaggio“. Neruda steigt verdientermaßen in die A2 auf, und verlegt seine Spielstätte nach Bozen in die Stadthalle. Im ersten Jahr wird bewusst der Klassenerhalt angestrebt, man kommt sogar in die Play-Offs.

Im Sommer entscheidet Sportdirektorin Cristina Sartori – auch sie Architektin des sportlichen Aufstiegs – nach 30 Jahren mit dem Volleyball aufzuhören. „Ich habe aus purer Müdigkeit entschieden, aufzuhören“, so ihre Worte, „ich treffe diese Entscheidung mit Freude und ohne Reue, nach über 30 Jahren in der Welt des Volleyballs brauche ich nun wieder etwas Zeit für mich selbst. Meine Entscheidung ist aber nicht aus heiterem Himmel gefallen: Schon zu Beginn der Saison habe ich den Präsidenten informiert, dass dies mein letztes Jahr sein würde, damit der Verein genug Zeit hat, einen Ersatz für mich zu finden – und Luca Porzio hat an meiner Stelle übernommen.“ Doch sie verfolgt und unterstützt Neruda bis zum heutigen Tag.

 

imageDie Saison 2014/2015 würde sich später als eine unvergessene herausstellen: Sie beginnt mit tausenden Schwierigkeiten, die sich durch die gesamte Spielzeit ziehen würden – allesamt werden durch die Lust und den Ehrgeiz des Trainers, der Akteurinnen und des Staffs aber aus dem Weg geräumt. In der Vorbereitung verletzen sich Noemi Porzio (Saison-Aus, bevor diese überhaupt begann) und Kapitänin Valeria Papa, die einige Matches aussetzen muss. Lucia Bacchi wird geholt und genau ihre Verpflichtung sollte sich als entscheidend herausstellen. Das Team von Bonafede bleibt immer an der Tabellenspitze, wehrt alle Angriffsversuche der Rivalen ab und schaut von oben auf die gegnerischen Mannschaft herab. Auch im Italienpokal läuft es wie geschmiert, man erspielt sich sogar den Einzug in das Finale von Rimini.  Gegen Beng Rovigo übertreffen sich die Boznerinnen selbst und holen sich dank einer fast perfekten Partie die Trophäe. Nachdem man die Coppa in die Höhe gestreckt und den Sieg des Italienpokals gefeiert hat, richtet sich der volle Fokus wieder auf die Meisterschaft, muss man doch den Platz an der Sonne vor den Vorstößen von Vicenza und Monza verteidigen. Man schlägt Vicenza, verliert dann zwar mit 2:3 auswärts gegen Monza, doch der eine Punkt ist Gold wert: Neruda ist an der Spitze nicht mehr einzuholen, kürt sich zum Meister der Serie A2 und ist nun in der Serie A1 angekommen – deutlich früher, als ursprünglich eingeplant. Bei der Meisterfeier sind auch Kathrin Waldthaler und Sara Bertolini mit von der Partie. Sie sind im Jugendsektor von Neruda aufgewachsen, haben die Serie C gewonnen und tragen bis zum Meistertitel in der Serie A2 die Farben orange und blau. Doch damit nicht genug: Sie werden für die Mannschaft bestätigt, die in der Saison 2015/2016 das Abenteuer Serie A1 angeht.

In der Spielzeit 2015/2016 spielt Neruda also zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte in der höchsten Volleyball-Liga Italiens: Man zeigt gute Partien, ärgert und besiegt sogar den späteren Meister Conegliano – doch die Konkurrenz ist eine andere, eine deutlich stärkere. Als Tabellenletzter muss man sportlich gesehen die Segel streichen und den Gang in die A2 antreten. Denkt man zunächst, doch im Sommer folgt eine weitere positive Nachricht: LJ Volley legt sich mit River Volley zusammen, um die Mannschaft Liu Jo Nordmeccanica Modena zu gründen, und verzichtet somit auf seine Serie-A1-Rechte. Die Orange-Blauen nehmen diese in Anspruch, was ganz Volleyball-Südtirol aufhorchen lässt: Neruda bleibt erstklassig.

Die Saison 2016/2017 in der Serie A1 – unter Coach Francois Salvagni – würde sich später als die erfolgreichste der Vereinsgeschichte herausstellen: Zum Ende der Hinrunde spielt Neruda in einer vollgepackten Bozner Stadthalle gegen Modena und gewinnt dank einer herausragenden Partie mit 3:1 – dieser Sieg bedeutet Tabellenplatz 7 und die erste Qualifikation für den Italienpokal der höchsten nationalen Spielklasse. In der Meisterschaft läuft es auch in der Rückrunde sehr gut, am Ende schaut Platz 8 heraus: Damit verbunden – erneut zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte – die Teilnahme an den Play-Offs um den Scudetto der A1, wo im Achtelfinale gegen Florenz Endstation ist. Über die gesamte Saison hinweg füllen Papa und Co. Hallen und begeistern Woche um Woche die vielen Zuschauer in der Bozner Stadthalle.

Dann aber die Hiobsbotschaft im Sommer 2017: Neruda muss aufgrund finanzieller Schwierigkeiten auf seine Serie-A1-Rechte verzichten und spielt in der Saison 2017/2018 in der Serie B1. Salvagnis ehemaliger Co-Trainer, Vasja Samec, übernimmt. Er soll den Wiederaufbau leiten – und dieser geschieht ganz getreu der Vorstellung des großen Claudio Belpoliti: Neruda ist in Liga 3 die Mannschaft, die die drittmeisten Eigengewächse in ihren Reihen aufweist. Die orange-blaue Talentschmiede ist am Leben, man vertraut wieder auf die eigenen Mädels. Die Mannschaft und der Trainerstab sind jung, ehrgeizig und wollen wieder nach oben klettern. Denn alles ist möglich im Kultur-Verein, der 1978 in Branzoll unter dem Vorsitz von Claudio Cortesia gegründet und dem großen Poeten Pablo Neruda gewidmet worden war und der nicht einmal 40 Jahre später die Serie A1 aufgemischt hat. Forza Neruda!

 

Von Matteo Igini | Frei übersetzt und erweitert von Maximilian Thaler